Chinesische Kräuterrezepte

Einführung

Der historische Hintergrund

Innerhalb der östlichen Medizin ist die chinesische Arzneimitteltherapie die älteste Behandlungsform. Obwohl sie im Westen noch relativ wenig bekannt ist, gewinnt sie heute doch rasch an Popularität. Vor rund 5000 Jahren soll der legendäre Kaiser Shen Nong sich für die Verwendung verschiedener Pflanzen und ihrer medizinischen Eigenschaften interessiert haben. Es heißt, er habe plötzlich zahlreiche Medikamente getestet, darunter auch viele giftige. Die Mehrzahl der Arzneimittel stammte aus den Pflanzenreich, die übrigen aus dem Tier- und Mineralreich. Das Shen Nong Ben Cao Jing, die klassische Materia Medica enthielt etwa 360 Arzneimittel.
Um 2700 v. Chr. wurden im Huang Di Nei Jing - Der innere Klassiker des Gelben Kaisers - die grundlegenden Gedanken der chinesischen Philosophie konzeptualisiert. Es enthält die Prinzipien des Taoismus sowie Beobachtungen der Wirkungsmechanismen des Universums und ihre Anwendung auf die Funktion des Körpers. Dieser Text legte die Grundlagen der östlichen Medizin und in diesem Zusammenhang auch der chinesischen Arzneimitteltherapie.
Während der folgenden Jahrhunderte wurden die jeweils neu entdeckten Wirkungen verschiedener Heilmittel von Generation zu Generation weitergegeben. Mit dem Auftauchen schriftlicher Dokumente erschien das Nei Jing während der Zeit der streitenden Reiche. Verschiedene Gelehrte haben zu jener Zeit auch das Shen Nong Ben Cao Jing in schriftlicher Form übertragen. Gleichzeitig schrieb der berühmte chinesische Arzt Zhang Zhong Jing, der Zeuge zahlreicher Todesfälle in folge infektiöser Erkrankungen wurde, das Shan Han Lun, eine Abhandlung über kälteinduzierte fiebrige Erkrankungen.
Um c. 200 n. Chr. setzte Hua Tuo als Erster "narkotisierende Tees" bei Schmerzpatienten ein. narkotisierende Suppen für kleinere chirurgische Eingriffe wurden ab etwa 1200 n. Chr. verwendet. Zur Zeit der Song-Dynastie umfasste die Pharmakopoe rund 1000 Substanzen aus dem Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Sie enthielt Kräuterrezepturen, Informationen zum Sammeln und Zubereiten der Heilmittel, Angaben zur Toxizität, Anweisung zum Herstellen von Kräuterpasten, Pillen und Umschlägen sowie ihre Anwendung bei verschiedenen Leiden. Von China aus verbreitete sich die Arzneimitteltherapie über das restliche Asien, wo sie jeweils unterschiedliche Formen annahm.
Während der Ming-Dynastie erschien um 1590 n. Chr. das Ben Cao Gang Mu, die große Materia Medica von Li Shi Zhen, die einen Meilenstein der chinesischen Arzneimitteltherapie darstellte. Dieses monumentale Werk wurde in zahlreichen anderen Ländern veröffentlicht.
Als protestantische Missionare um 1700 n. Chr. während der Qing-Dynastrie die westliche Medizin nach China brachten, verlor die uralte heimische Medizin an Popularität.
Erst mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 kehrte die Traditionelle Chinesische Medizin in das offizielle Gesundheitssystem zurück. Seither hat sie eine Renaissance erfahren. Das Zhong Yao Da Ci Dian, eine Enzyklopädie der Substanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin, herausgegeben von Jiangsu College of New Medicine im Jahre 1977, enthält ca. 5700 einzelne Arzneimittel und ist ein Ergebnis jahrtausendelanger Forschung. Jedes Heilmittel wird in diesem Werk monographisch behandelt, unter anderem mit Beschreibung von Geschmack, Temperaturverhalten, Dosierung, Zubereitung, Kontraindikationen, Wirkungen und Indikationen.


Die chinesische Arzneimitteltherapie heute

In China wurden eine komplette Integration der traditionellen chinesischen und der westlichen Medizin erreicht. Therapeuten sind gewöhnlich in beiden Richtungen ausgebildet und Patienten werden kontinuierlich mit beiden Systemen begleitet. Sie werden als komplementär betrachtet, wobei entweder jedes der beiden Systeme jeweils für bestimmte Erkrankungen oder aber beide gleichzeitig eingesetzt werden. In China werden etwa 80 % aller Patienten der Traditionellen Chinesischen Medizin mit Arzneimitteltherapie behandelt, die restlichen 20 % mit Akupunktur oder einer anderen östlichen Heilmethode. Die Arzneimitteltherapie ist besonders wirksam in der Behandlung chronischer Erkrankungen. In den USA erhielt die Akupunktur in der Öffentlichkeit sehr viel mehr Aufmerksamkeit, nicht zuletzt aufgrund des Berichts von James Reston, der seine persönlichen Erfahrungen mit der Schmerztherapie nach einer Appendektomie während einer Chinareise mit Präsident Nixon im Jahre 1972 beschreibt und in der New York Times veröffentlicht wurde. Auch wenn es bisher noch relativ wenige Therapeuten der chinesischen Arzneimittelkunde gibt, so nimmt ihre Zahl doch rasch zu. Zertifikate und Lizenzen für Akupunktur gibt es in den meisten Staaten der USA bereits seit etlichen Jahren. Eine einheitliche Prüfung für Chinesische Kräuterheilkunde, die mit einem Diplom abschließt, wurde erst 1995 eingeführt. In Deutschland wird die Traditionelle Chinesische Medizin von Akupunkturgesellschaften gelehrt. Diese kooperieren innerhalb eines Dachverbandes hinsichtlich ihrer Lehrpläne. Bis Ende 2000 genügten 140 Ausbildungsstunden, damit ein Arzt im Bereich der TCM Versicherungsleistungen abrechnen konnte, ab 2005 sollen 350 Ausbildungsstunden Pflicht werden. Die Phytotherapie wird innerhalb dieser Stundenzahl abgehandelt.

Kräuter und Pharmazeutika

Von größter Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen dem chinesischen Arzneimittelsystem, bei dem die pflanzliche/tierische/mineralische Substanz im Ganzen eingenommen wird, und dem westlichen pharmazeutischen Zugang, bei dem eine Substanz auf ihre aktiven Bestandteile reduziert wird. Westliche Pharmakologen nehmen eine Pflanze, suchen nach dem aktiven Inhaltsstoff zur Behandlung einer bestimmten Krankheit und extrahieren ihn. Diese aktiven Inhaltsstoffe werden anschließend konzentriert, patentiert, und als Pharmazeutika verkauft. Im Gegensatz dazu wird in China ein Heilmittel, das zur Behandlung vieler verschiedener Krankheiten eingesetzt werden kann, viel höher bewertet. Je mehr Krankheiten es behandelt, desto wertvoller ist es. Ren Shen/Radix Ginseng z.B. wird als besonders wertvoll betrachtet, weil es viele Körpersysteme tonisiert. In der westlichen Medizin existiert der Begriff des Tonikums dagegen überhaupt nicht. Bestimmte Drogen, die von der östlichen Medizin als wertvoll betrachtet werden, hält die westliche Medizin für unwichtig, und umgekehrt. Die chinesische Medizin geht den Weg der Natur und sucht den Behandlungserfolg auf einer bereiteren, kontinuierlicheren Basis. Ein gutes Beispiel dafür ist Ephedrin. Es wird aus dem chinesischen Kraut Ma Huang/Herba Ephedrae gewonnen und wurde in der westlichen Medizin zu einem Medikament zur Behandlung von Asthma konzentriert. In seiner pharmazeutischen Form kann Ephedrin das Herz überstimulieren und zu Hypertonie, Herzrasen und erhöhter Nervosität beitragen. In der chinesischen Medizin dagegen wird Ephedra in seiner natürlichen Form verwendet, wobei das Ephedrin in einer Konzentration von weniger als 1 % vorliegt. Auch wenn die positiven Wirkungen langsamer eintreten, so sind doch auch sehr viele weniger negativen Nebenwirkungen zu beobachten. Ephedra in der natürlichen Form wird langsam metabolisiert, da die Pflanze Puffersysteme enthält, die Nebenwirkungen verhindern. Doch auch in der chinesischen Medizin ist Ephedra eines der Heilmittel, das mit Vorsicht einzusetzen ist. Überdosierung und langfristiger Einsatz, wie bei verschiedenen gewichtsreduzierenden Pillen und Kräuterstimulanzien, sind nicht zu empfehlen.